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3. Die Sammlung - Einleitung          

       

Museumsgründer Heinrich Sauermann, selbst Möbelfabrikant und Gewerbeschullehrer, sammelte bei der Suche nach geeigneten Vorbildern für seinen Möbelbau und für seine Lehrtätigkeit zunächst alte detaillierte Ornamentvorlagen.[1] Doch diese genügten ihm nicht, denn er wollte mehr über deren Wirkung am Gesamtbild der Möbel erfahren. Er wollte auch kulturgeschichtliches Grundwissen über die Entstehung der Möbelformen erlangen.[2] So begann Sauermann mit der Sammlung einer Vielzahl von alten Möbeln, welche den Grundstock für das Gewerbemuseum bilden sollten.

Auf der Suche nach Formen wollte sich Sauermann jedoch nicht auf Möbel beschränken. Ein Kunsthandwerker sollte sich zwar Anregungen aus seinem Fachbereich holen, aber auch von anderen Kunstgattungen und Gerättypen lernen.

„Wie der Drechsler beispielsweise seinen Schönheitssinn an den hübsch geschwungenen Linien der alten und neuen deutschen und venetianischen Gläser bilden kann, so werden der Dekorationsmaler, der Glaser, der Buchbinder, wie diejenigen Gewerbe, deren Tätigkeit auf die künstlerische Belebung und Ausbildung der Flächen abzielt, ihre Studien sowohl an den textilen Erzeugnissen bäuerlichen Ursprungs, wie an den alten Prachtstoffen des Orients und Italiens vollführen können, umsomehr hier neben der Form die Farbe eine besondere Rolle spielt.[3]

Sauermann kam es auf ein grundlegendes Verständnis der Formen und Stile an, die in allen Bereichen des Kunsthandwerks mit ähnlichen Merkmalen zu sehen sind. Handwerker sollten eine kunstgeschichtliche Ausbildung vor allem über die Entstehung der tektonischen und ornamentalen Formen erfahren (siehe Kapitel 2.1.2.2.). Hierfür waren verschiedene Stil- und Gattungsabteilungen vorgesehen:

Der Handwerksmeister, der mit Innendekoration sich beschäftigt, findet ebenso sehr in den strengen, aber mustergültigen Arbeiten der holländischen Abteilung eine unerschöpfliche Fundgrube zu neuen Ideen, wie ihm viele der geistreich angeordneten Formenelemente des Rokoko [...] – Anregung zur Neubeschaffung leichter Konstruktions- und Ziermotive gewähren werden.[4]

Die Möbel versuchte Sauermann also nach verschiedenen Kunststilen zu ordnen, wie es andere Museumsleiter wie Jakob Falke, Museumsdirektor in Wien (s. 4.1.), oder Wilhelm Bode, Generaldirektor der Berliner Museen (s. 2.1.1.9), taten.

Da gerade in Schleswig-Holstein viele Möbel wandfest waren, nahm Sauermann bei seiner Sammlertätigkeit gleich ganze Einrichtungen und Stuben mit. Es bot sich an, die Möbel in sog. „historische Milieus“ einzubinden, d.h. ganze Zimmer wiederherzustellen (s. 2.1.2.3.). So wurden neun Bauernstuben (s. 3.3.3) und zwei Bürgerzimmer (s. 3.3.4.) geschaffen. Dies entsprach auch dem kulturhistorischen Konzept, das am Anfang des 20. Jahrhunderts an den Museen verfolgt wurde (s. 2.2.1.3.).

Die Möbel bildeten zwar den Schwerpunkt der Sammlung, waren jedoch von weiteren Gerätabteilungen umgeben.

Die Sammlung sei von Jahr zu Jahr größer und reichhaltiger geworden, so daß sie mittlerweile Stücke alles dessen enthalte, was auf dem Gebiete des Kunstgewerbes geleistet sei. [...] so enthalte sie an Möbeln 390 verschiedene Holzsachen, aus denen sich vollständige verschiedenartige Zimmer herstellen, wie z.B. ein gothisches, ein Zimmer von der Insel Röm, ein Föhrerzimmer u. dergl. mehr. [...] Neben den Möbeln seien auch Handarbeiten unserer Frauen und Jungfrauen vorhanden. So an Hausfleißarbeiten 318, an Textilen 215 Sachen. Ferner seien an Stickereien 3-4000 Stück vorhanden, Klöppelarbeiten, eine ganze Klöppelsammlung, weiter 400 Metallarbeiten.[5]

Diese Abteilungen umfassten eine Vorgeschichtliche Abeilung (s. 3.3.1), eine Hausfleißabteilung (s. 3.3.2.), eine Keramik- und Fayenceabteilung (s. 3.3.5.) und eine Abteilung für Kirchenkunst (s. 3.3.6.).

In diesem Kapitel stehen die Möbel im Mittelpunkt. Sie sind in verschiedenen Zimmern nach Kunststilen geordnet ausgestellt. So sollen die Möbel auch in dieser Präsentation eingeteilt nach den Kunststilen behandelt werden (s. 3.1. Die Möbel in ihren Stil-Epochen).[6]
Folgende Kunststil-Kategorien werden ausgewählt:

  3.1.1. Die Möbel der Gotik

  3.1.2. Die Möbel der Renaissance

  3.1.3 Die Möbel des Barock

  3.1.4 Die Möbel des Rokoko

Die Formenmerkmale und Anwendungsmöglichkeiten werden im Sinne des Historismus unterschieden und erläutert. Am Beispiel der Möbelornamente soll herausgestellt werden, an welchen Stilelementen und -formen sich Besucher bzw. Handwerker nach Sauermanns Intentionen vorbildhaft orientieren konnten.

Die Möbel zeigen auch,

wie die alten Meister es verstanden, den Geist und die Bedürfnisse der Zeit durch künstlerische Formen zum Ausdruck zu bringen. [7]

So widmet sich der darauffolgende Abschnitt (3.2. Die Möbeltypen) den verschiedenen Möbelgattungen. An ausgewählten Beispielen soll dargestellt werden, wie die Entwicklung der

Schränke (s. 3.2.1.),

Truhen(s. 3.2.2.),

Tische, Stühle, Betten (s. 3.2.3.) und

Ausstattungsmöbel (s. 3.2.4.) verlief, und welche Erkenntnisse durch sie über die Vergangenheit des Landes Schleswig-Holstein gewonnen werden können.

Da die Flächen der Schränke und Truhen zahlreiche kunstgeschichtlich relevante Merkmale aufweisen, sind diese Möbeltypen ausführlicher als die übrigen dargestellt.

Die Möbel sind aber nur ein Teil des Ausstellungsbestandes des Flensburger Museums. Bevor der Besucher zu den Möbeln gelangte, durchquerte er andere Sammlungsabteilungen, nämlich die

Vorgeschichtliche Abteilung (s. 3.3.1), den

Saal mit Hausfleißarbeiten (s. 3.3.2) und die

Bauernstuben (s. 3.3.3.).

Nach der Betrachtung der Möbelzimmer (s. 3.1.) erreichte der Besucher die

Bürgerzimmer (s. 3.3.4), die

Abteilung für Keramik (s. 3.3.5.) und die

Abteilung für Kirchenkunst (s. 3.3.6.).

Diese Sammlungsabteilungen sind im Kapitel Weitere Sammlungsabteilungen (s. 3.3.) zusammengefasst. Der Aufbau und die Bedeutung jener Abteilungen im Flensburger Kunstgewerbemuseum im Kaiserreich sollen hier nur in groben Zügen betrachtet werden.